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29.03.06

Gaffen - Alltägliche Begleiterscheinung der Feuerwehr

Irgendwo in Deutschland, es kracht, es brennt oder Person in Notlage. Die ersten ihre zweifelhafte Neugierde befriedigenden Schaulustigen sind meist nicht weit und schneller als die Rettungskräfte zur Stelle. Letzteren bereitet das tagtäglich Schwierigkeiten, denn wegen der Gaffer kommen sie oft nicht schnell genug zu den Verletzten durch. Nicht zu vergessen sind die Unfallopfer, die zusätzlich zu ihrem Leid auch noch sensationslüsternen Blicken ausgeliefert sind. Außerdem gefährden Gaffer durch ihr Verhalten sich und andere Verkehrsteilnehmer: Durch das Geschehen abgelenkt, verursachen sie auf der Gegenfahrbahn oft schwere Folgeunfälle.

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Bild: Schauübung der FF Tiengen

Bei einem Verkehrsunfall in Essen kam es durch Gaffer zu einer "volksfestähnlichen Stimmung", wie das Feuerwehr Weblog kürzlich berichtet hatte. Grund genug einen genaueren Blick auf das Phänomen „Gaffen“ und den Umgang der Feuerwehren damit zu werfen.

Schaulustige sind zunächst einmal Personen die sich spontan zur Beobachtung eines spektakulären Ereignisses einfinden. Insofern war ein jeder von uns schon einmal ein Schaulustiger, bspw. als Zuschauer anlässlich einer Schauübung oder bei dem Lauschen der Musik von Straßenmusikanten. Meist erhält der Begriff Schaulustiger eine negative Konnotation, da es sich oftmals um unwillkommene, bei notwendigen Rettungsaktionen als störend und hinderlich empfundene Zuschauer handelt. Gaffer zeigen keinen Willen zur aktiven Hilfeleistung. Ihre Motivation reicht von Neugier über Sensationsgier bis zur Schadenfreude.

Nicht alle Schaulustigen sind sture Glotzer. Viele finden sich unfreiwillig in dieser Rolle wieder etwa auf der Autobahn beim Passieren einer Unfallstelle. Oft riskierten sie nur einen Blick und gehen dabei unbewusst vom Gas. Die Folgen reichen von Stau bei hoher Verkehrsdichte, bis hin zu Auffahrunfällen.

Die Möglichkeiten der Feuerwehr gegen die gaffende Menge vorzugehen, ist begrenzt. Da der Katastrophenschutz Sache der Länder ist, finden sich in jedem Land andere Regelungen.

Am weitesten geht das bayrische Feuerwehrgesetz in §25. Dort wird Einsatzkräften der Feuerwehr in bestimmten Situationen die Anwendung von Zwang erlaubt:

Soweit Polizei nicht zur Verfügung steht, können Führungsdienstgrade der Feuerwehr oder von ihnen im Einzelfall beauftragte Mannschaftsdienstgrade das Betreten der Schadensstelle und ihrer Umgebung verbieten oder Personen von dort verweisen und die Schadensstelle und den Einsatzraum der Feuerwehr sperren, wenn sonst der Einsatz behindert würde. Unmittelbarer Zwang durch körperliche Gewalt und deren Hilfsmittel darf entsprechend den Art. 37, 40 Abs. 1, 2 und 3, Art. 43 Abs. 1 Sätze 1 und 2 sowie Abs. 3 Sätze 1 und 3 des Polizeiaufgabengesetzes angewendet werden (§ 25).
Im bayrischen Katastrophenschutzgesetz heißt es in §10 weiterhin:
Die Katastrophenschutzbehörde kann das Betreten des Katastrophengebiets verbieten, Personen von dort verweisen und das Katastrophengebiet sperren und räumen, wenn das zur Katastrophenabwehr erforderlich ist. Von der Katastrophenschutzbehörde hierzu beauftragte eingesetzte Kräfte haben diese Befugnis bei Gefahr im Verzug, soweit Polizei nicht zur Verfügung steht.

Der Einsatz von Zwang ist also an die Nicht-Verfügbarkeit polizeilicher Kräfte gebunden.

Die Aussage „Unmittelbarer Zwang durch körperliche Gewalt und deren Hilfsmittel“ gilt nicht in allen Bundesländern, so sieht z.B. das Feuerwehrgesetz in Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen diese Form der Absperrmaßnahmen nicht vor. So steht zwar im Landeskatastrophenschutzgesetz von Baden-Württemberg, dass

alle im Katastrophengebiet oder an einem Einsatzort anwesenden Personen Anordnungen der Katastrophenschutzbehörde, des technischen Leiters des Einsatzes oder seines Beauftragten über Räumung, Absperrung oder Sicherung des Katastrophengebietes oder des Einsatzorts unverzüglich zu befolgen haben,

aber aus der Formulierung ist kein „unmittelbarer Zwang durch körperliche Gewalt und deren Hilfsmittel“ abzuleiten.

So finden sich bspw. auch im niedersächsischen Brandschutzgesetz (§29), im Brandschutz- und Hilfeleistungsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt (§25), schleswig-holsteinischen Brandschutzgesetz (§20),
ähnliche Formulierungen, wie im LKatsG Baden-Württemberg.

Dagegen findet sich bspw. im brandenburgischen Brand- und Katastrophenschutzgesetz, dem bremischen Hilfeleistungsgesetz , oder dem saarländischen Brandschutzgesetz keine Klausel, die den Feuerwehrangehörigen das Recht zum Erteilen eines Platzverweises einräumt.

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Gaffen kann als Ordnungswidrigkeit geahndet werden, denn laut Straßenverkehrsordnung müssen Verkehrsteilnehmer Unfallstellen räumen und dürfen Rettungskräfte nicht behindern:

Blaues Blinklicht zusammen mit dem Einsatzhorn darf nur verwendet werden, wenn höchste Eile geboten ist, um Menschenleben zu retten oder schwere gesundheitliche Schäden abzuwenden, eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung abzuwenden, flüchtige Personen zu verfolgen oder bedeutende Sachwerte zu erhalten. Es ordnet an: "Alle übrigen Verkehrsteilnehmer haben sofort freie Bahn zu schaffen". (§38, Abs.1 StVO)

Wer dennoch Rettungskräfte behindert, kann mit einem Bußgeld bis zu 60 Euro und einem Punkt in der Verkehrssünderkartei in Flensburg bestraft werden. Die Bußgelder können in bestimmten Fällen auf bis zu 5000 EUR heraufgesetzt werden. Wenn die Retter so massiv behindert werden, dass sie Verletzten nicht rechtzeitig helfen können und diese dadurch sterben, muss man mit Ermittlungen wegen Beihilfe zur fahrlässigen Tötung rechnen.

Psychologen sehen im Gaffen einen Mechanismus, der das eigene Ich zu stabilisieren helfe. Das Zusehen wird in einen lerntheoretisch bedeutsamen Zusammenhang von Sehen und Einsehen gestellt. Das Zusehen ist dabei ein ungefährliches Dabei-Sein-Können im Spannungsfeld von so nahe dabei, dass man alles wahrnehmen kann, aber so distanziert, dass man sich selbst nicht gefährdet. Es ist ein Probehandeln im gedanklichen Selbstversuch: »Was würde ich in dieser Lage machen können?«

Diese Spannung zwischen Nähe und Distanz ist für den Gaffer ein Übungsfeld, es lässt sich die »Zerbrechlichkeit fremder wie eigener Existenz erahnen und zugleich eine Vorstellung von Handlungsoptionen entwickeln«. Wird diese Distanz überwunden, kommt es zu Belastungsreaktionen, auch ohne physische Einwirkung.

Die gängigere Deutung hebt den Erlebnischarakter hervor: Gaffer wollen Angst, Schrecken und Spannung miterleben, ohne selbst beteiligt zu sein. Historisch gesehen reiht sich dies in eine Reihe mit blutigen Gladiatorenkämpfen, öffentliche Hinrichtungen, Straftäter am Pranger oder Live-Übertragungen von Hinrichtungen in den USA.

In Studien haben Forscher das Verhalten von Zuschauern in weniger brenzligen Situationen untersucht und dabei den so genannten Gaffer-Effekt beobachtet: Alle schauten zu, aber kaum einer mischte sich ein – vor allem dann nicht, wenn mehrere Zuschauer anwesend waren. Der typische Zuschauer-Effekt wird demnach vom Ausmaß der drohenden Gefahr beeinflusst. Echte Gefahrensituationen werden nämlich eher und deutlicher als wirkliche Notfälle erkannt als Konflikte, die relativ harmlos erscheinen.

Katastrophentourismus ist kein Kind der Mediengesellschaft. So ereignete sich bspw. am 4. August 1904 eine Brandkatastrophe in Ilsfeld bei Heilbronn. Durch fahrlässigen Umgang beim Spiel mit Feuer, fackelten Kinder ein ganzes Dorf ab. Die Neugierigen fielen wie die Heuschrecken über den verheerten Ort her. Die Reichsbahn transportierte annährend 40 000 Gaffer in das Trümmerfeld.

Geschrieben von Stefan C. um 29.03.06 09:43

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