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07.03.05

Der Fluch des PowerPoint

Gleich mal vorneweg: PowerPoint ist eine gute Sache - insofern es richtig angewendet wird. 99,99% der Präsentationen können jedoch getrost als Vergewaltigung a) des Programms und b) der Zuschauer/ Zuhörer/ Leser bezeichnet werden.

Dies gilt gleichermassen für Unternehmen und bei der Feuerwehr: in beiden Fällen möchte man zu einem bestimmten Thema vortragen und überzeugen.

Es gibt aber nichts schlimmeres als in einer Präsentation zu schmoren, wo ein gelangweilter Moderator von den Folien runterliest.

Nachfolgender Artikel ist zwar aus einer gewissen Unternehmenssicht heraus geschrieben, gilt aber natürlich auch für die Feuerwehr. Schliesslich nutzt man seine erworbenen Fähigkeiten gleichermassen in beiden Bereichen.

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Die Diskussion um Sinn oder Unsinn dieser Software kocht in periodischen Abständen wieder hoch. So auch bei Wired.com wo Edward Tutfe munteres "PP-Bashing" betrieb. David Byrne (ex-Talking Heads) macht richtige Folienkunst und abstrahiert Präsentationen durch Überspitzung vollends ("Learning to Love PowerPoint").

Kunst hat ja die Eigenschaft, der Menschheit durch übertriebene Darstellung von Themen einen Spiegel vorzuhalten; die Hoffnung ist, durch Provokation und Übertreibung ein wenig zum Nachdenken zu bewegen.

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Nur ist es leider so, daß die "Corporate Bots" (sprich: schlipstragende Dokumentengeneratoren) gar nicht darauf kommen, ein wenig nachzudenken. Dies mag sicherlich an der automatisierten Normung ihres Umfeldes liegen.

Besagte Corporate Bots sind bei weitem die größte Nutzergruppe. PowerPoint findet sogar im Privatleben (Sarah Wyndham aus Virginia hielt ihren Töchtern eine Präsentation zu "Ordnung im Haus") Einzug, auch bei Vereinen und sonstigen Gemeinschaften.

Richtig verwendet sind Folien eine Begleitung von ausgeschriebenen Dokumenten und werden für eine Präsentation, meistens über Beamer, genutzt. Diese Folien führen die wesentlichen, beziehungsweise kritischen Punkte und dienen der Vermittlung der Inhalte aus dem Vortrag. Nicht mehr oder nicht weniger - außer man heißt David Byrne.

Mit Bezug auf oben genannte "automatisierte Normung" im Berufsumfeld läßt sich jedoch feststellen, daß PowerPoint inzwischen als einziges Dokumentengenerierungstool Verwendung findet. Word stirbt aus.

Zeit ist kostbar, also möchte man a) selbst so viel Inhalt in möglichst wenig Zeit vermitteln und b) dem Leser genau das gleiche antun. Deshalb verfällt man schnell dem sirenenhaften Reiz der "Kugelpunkte", oder "Bullet Points".

Eine Frage stellt sich hier: hat man zuerst angefangen in "Bullet Points" zu denken und PowerPoint angepaßt, oder war's anders rum?

Egal. Wir denken und schreiben nur noch in "Bullet Points" - auch Word-Dokumente. Prosa stirbt aus. Es kann von Niemandem erwartet werden auf Günther Grass-Niveau unterwegs zu sein. Aber ein wenig schreiben sollte man schon können; und genau diese Fähigkeit geht allmählich verloren.

Jedenfalls liefern wir inzwischen Vorschläge, Strukturierungen, Projektpläne, Kommentare, Vorstandsvorlagen, ja sogar Verträge inklusive LoI und MoU in PowerPoint ab. Man erstellt Ausschreibungen und holt sich sonstige Angebote rein. Man produziert nicht für den Beamer, sondern für den Drucker.

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Dabei vergisst man ganz gerne, auch wenn der Inhalt sich auf einige wenige Punkte reduziert, daß der Leser trotzdem anders denkt. Herleitungen und Beschreibungen finden in Folien keinen Platz, somit ist weiterer Klärungsbedarf fast vorprogrammiert. Doch fragt auch keiner mehr nach, aus Scham oder Faulheit. Redundanz entsteht.

So ein Dokument ist schon praktisch: man kann damit sogar auch präsentieren. Egal, ob man schon - weil die Folie vollgepackt ist - ab 2 Meter Abstand schon gar nix mehr sieht. Und so braucht man nur noch die Projektion vorlesen. Hat zwar mit Präsentation(sfähigkeit) wenig zu tun, aber es ist OK wenn keiner draufkommt. Wäre auch zu viel Arbeit, ein Dokument richtig auszuschreiben und dazu noch eine Präsentation zu erstellen.

Dass man aber den Zuseher überfordert, ist auch egal. Und um ja sicher zu gehen, dass überhaupt nichts mehr verstanden wird packt man die Präsentation voll mit unsäglichen Animationen, Cliparts und Folienübergangen. Ganz Hardcore sind Geräusche.

Was für ein Anblick, wenn der Präsentierende vor lauter auf-rechts-Pfeil-einhacken, begleitet von "Laser-" und "Pistolengeräusche" nichts inhaltliches rüberbringt. Das ist ja die Gefahr: man lenkt ab vom Inhalt. Oft ist das gar nicht mal so schlecht, denn man hat auch das Präsentieren verlernt. Dann darf die Präsentation auch mal 3-4 Stunden dauern, obwohl der Mensch erwiesenermassen eine Aufmerksamkeitsspanne von ca. 20 Minuten hat.

Eines sollte noch erwähnt werden: PowerPoint ist ein Corporate Identity-Torpedo. Ich denke, die meisten größeren Unternehmen werden ihren Mitarbeitern erscheinungskonforme Templates (Schablonen) zur Verfügung stellen. Das reicht jedoch nicht! Die Steuerung sollte auch auf die Inhaltsgestaltung und Präsentationsweise ausgedehnt werden.

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Was in der Realität passiert, ist lustig-traurig: Innerhalb der gleichen Veranstaltung präsentieren mehrere Mitarbeiter eines Unternehmens völlig verschiedene Layouts. Einen Teil zum Unheil tragen die Unternehmen selbst bei. Hausfonts, die für Print eher geeignet sind sollten wirklich nicht der Darstellungswillkür eines Computers überlassen werden. Und Hausfonts die nicht zum Systemstandard gehören werden auf fremden Computern sowieso ganz komisch dargestellt.

Das Fazit? Ich habe es Eingangs erwähnt: PowerPoint, sinnvoll angewendet ist eine super Sache. Hier geht es aber eigentlich nicht um die Software, sondern um die Anwender (oder "Generatoren") und das Umfeld, das diese Auswucherungen überhaupt möglich macht. Unternehmen sollten sich am Schopfe packen und eine richtige Präsentationskultur wieder einführen! Und erwarten können, daß die Mitarbeiter halbwegs ordentliche Texte verfassen.

Für diejenigen, die lieber in Stichpunkten lesen hier eine zusammenfassende Checkliste:

  • Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer: 20 Minuten
  • PowerPoint ist kein Word-Ersatz
  • Vorsicht bei "Stichpunkten": Können die Zuhörer der Argumentation folgen?
  • Folien schön sauber halten: nicht überfrachten! Schwarzer Text auf weissem Hintergrund
  • Einfaches Layout damit man auch in der zehnten Reihe etwas lesen kann
  • Keine Animationen! Keine Folienübergänge
  • Mglichst kein Clipart!
  • Keine interaktiven Elemente!
  • Wenn zwischendurch ein Film vorgeführt werden soll: ruhig PowerPoint zumachen / in den Hintergrund tun und Film über Media Player aufruen
  • Pausen einbauen, Titelfolien bei Themenwechsel einbauen

***

Abhandlungen zu PowerPoint:

Absolute Powerpoint
Is PowerPoint the devil?

Aus Letzterem ein sehr schönes Zitat:

PowerPoint doesn't teach children to make an argument. It teaches them to make a point, which is quite a different thing. It encourages presentation, not conversation. Students grow accustomed to not being challenged. A strong presentation is designed to close down debate, rather than open it up
Mit PowerPoint lernen Kinder nicht, ein Argument zu entwickeln. Sie lernen, ein Argument aufzulisten: das ist etwas völlig anderes. Es ermutigt zur Präsentation, nicht zum Dialog. Schüler gewöhnen sich daran, nicht hinterfragt zu werden. Eine starke und gute Präsentation dient dazu, Debatten eher zu vermeiden als sie zu fördern.

***
Sehr empfehlenswert:

Abraham Lincoln's Gettysburg Address [wikipedia] muss jedes Schulkind in Amerika lernen.

Die gibt's auch als "Gettysburg PowerPoint-Präsentation"

Geschrieben von Irakli um 07.03.05 11:39

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