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08.02.06
Interview: Mathias Hausmann, Josef Lentner GmbH
Das mittelständische Unternehmen Josef Lentner GmbH fertigt östlich von München bei Grafing gut 100 Feuerwehrfahrzeuge pro Jahr. Es werden bis auf Spezialfahrzeugen die gängigen Typen angeboten, mit Gewichtung auf Fahrzeugen des Typs HLF20/16. Besonderer Wert wird auf Qualität, Leichtbau und Innovation gelegt; so sind GFK-Aufbauten mit integrierter Mannschaftskabine bislang einzigartig.
Das Feuerwehr Weblog unterhielt sich mit Geschäftsführer Mathias Hausmann über die Firma Lentner, den Bau von Feuerwehrfahrzeugen, sowie über positive und negative Trends im Fahrzeugbau.
Das Interview gibt's auch als pdf-Download (350kb)
Herr Hausmann, Gratulation zur Auslieferung von 18 HLF20/16 an die BF Frankfurt.
Danke. Wir beliefern verstärkt Berufs- und Werkfeuerwehren, und dieser Auftrag hatte diesbezüglich eine außerordentlich hohe Bedeutung. Darauf sind wir sehr stolz.
Ist die Firma Lentner vorrangig regional aufgestellt?
Wir sind regional aufgestellt, der Vertrieb erfolgt vom Werk aus. Wir haben 2-3 Kooperationspartner, die sich vor Ort auch für uns „umhören“ ob nicht ein Fahrzeug ausgeschrieben wird.
Wie ist Ihre Auftragslage?
Unsere Steigerungsrate beträgt derzeit 30% pro Jahr. Derzeit sind wir bis Mitte 2007 auf die volle vorhandene Kapazität ausgebucht. Diese richtet sich übrigens entscheidend danach, ob viele Fahrzeuge aus einer Serie geliefert werden, oder ob es Einzelanfertigungen sind. Im letzteren Fall sind es dann bei jeweils ca. 2.000 Fertigungsstunden ca. 40-50 Fahrzeuge pro Jahr, ansonsten bis zu 150 Stück.
Orientieren Sie sich bei der Fahrzeugfertigung auch an andere Hersteller? Was ist das besondere an Ihren Aufbauten?
Nein, wir schauen nur sehr wenig bei anderen Herstellern ab, wir versuchen alles selbst zu konstruieren. Die Ausstattung ist modern, mit CAD, wir haben dafür ein eigenes Betriebssystem. Außerdem haben wir eine ausgesprochen hohe Fertigungstiefe: Wir stellen selber viele Teile her. Dies ist zwar mit Kosten verbunden, bedeutet aber ein hohes Maß an Flexibilität und Unabhängigkeit.
Dass wir innovativ sind, zeigt die Tatsache, dass wir als einzige einen kompletten Löschfahrzeugaufbau mit integriertem Mannschaftsraum in GFK anbieten können. Dies hat wirklich wie eine Bombe eingeschlagen, das hat man auch auf der Interschutz in Hannover feststellen können.
Ein üblicher Vertrieb verursacht übrigens ca. 10-15% der Kosten. Diesen sparen wir uns noch, und stehen somit auf der Kostenseite wesentlich besser da als mancher Mitbewerber.
Dumme Frage: was ist GFK?
Glasfaserverstärkter Kunststoff. Der Aufbau ist komplett aus diesem Material, also auch die Träger. Lediglich die Einschübe sind aus Metall. Vom Gewicht her ist GFK ähnlich wie Alu, große Vorteile gibt es bzgl. Korrosionsfestigkeit und bei Unfällen. Alu rostet wenn es schlecht behandelt ist, und bei Unfällen verzieht sich der gesamte Aufbau. Bei GFK gibt es lediglich dort, wo mechanische Einwirkung stattgefunden hat eine Beschädigung, die schnell ausgetauscht werden kann. Somit ergeben sich auch kürzere Werkstattzeiten und geringere Reparaturkosten.
Der größte Vorteil ist aber die Stabilität. Formel1-Autos sind zwar ein bisschen kleiner, feiner und teurer, aber auch aus dem gleichen Material. Und sehr stabil.
Wie kommen Sie an Aufträge heran?
Die Aufträge, EU-Ausschreibungsblätter, werden aus dem Internet „gefischt“. Ich schaue mir die Beschreibungen an und entscheide, für welche wir bieten wollen. Bei manchen ist offensichtlich, dass ein Lentner auf gar keinen Fall gewinnen wird.
EU-weit wird ab einem Wert von ca. €200.000.- ausgeschrieben, darunter ist es kein muss. Hier müssen wir uns natürlich gegen die ausländische Konkurrenz stellen.
Wie betrachten Sie die ausländischen Mitbewerber?
Es besteht tatsächlich eine sehr große Gefahr, dass ausländische Mitbewerber nach Deutschland dringen. Der Preis ist natürlich ein ganz anderer, wenn gerade von den östlichen Nachbarn Angebote abgegeben werden. Die Kommunen haben nicht viel Geld und schauen genau auf den Preis. Heute wird zu 80% über den Preis entschieden.
Werden bei Ausschreibungen auch die Folgekosten inklusive Betriebskosten mit berücksichtigt?
Die Bewertungskriterien sind unterschiedlich: der Preis, die Qualität, Merkmale wie z.B. die Gewichtsreserve. Besonders wichtig ist die Wirtschaftlichkeit des Aufbaus. Oft hat das auch mit der Nähe zum Werk zu tun.
Agieren Sie auch international?
Wir loten das gerade aus, es haben sich auch schon sehr gute Kontakte, z.B. in den mittleren Osten, ergeben.
Wohin entwickelt sich die heutige Technologie? Was sind die größeren Trends?
Die Entwicklung geht meines Achtens in die falsche Richtung. Ich finde Qualität sehr wichtig. Die zunehmende Elektronisierung wird zu Problemen führen, unter Anderem weil die Fahrzeuge schon jetzt sehr anfällig werden. Schlimmer noch wird es in Jahren mit der Ersatzteilbeschaffung werden.
Wir versuchen uns diesbezüglich zurück zu halten, aber ein CAN-Bus wird oft schon in der Ausschreibung gefordert. Das ist meiner Meinung nach der verkehrte Weg. Besonders wenn es am Einsatzort schnell gehen muss und der Computer langsam reagiert bzw. ausfällt gibt’s dann Probleme.
Die Technik und die allgemeine Entwicklung treiben uns dahin, manche Hersteller stehen da besonders stark dahinter.
Wir werden für unsere Fahrzeuge auch für die Bedienfreundlichkeit gelobt. Die Leute sagen dann: „das kann ich wirklich beherrschen“.
In Frankfurt haben wir im August letzten Jahren 18 HLF ausgeliefert. Diese sind jetzt schon bei 5.700 Einsätzen. Ein Berufsfeuerwehrfahrzeug kommt da schnell auf 150.000 Kilometer, und da kommt es besonders auf Qualität an. Es ist ärgerlich, wenn ein Fahrzeug in der Werkstatt stehen muss.
Wie stehen Sie zur Fahrzeugnormung?
Meine persönliche Meinung ist die, dass man auf die Normung auch verzichten kann. Im Großen und Ganzen hält sich sowieso keiner dran.
Die Normung wurde irgendwann mit der Motivation eingeführt, weitgehend gleiche Fahrzeuge zu erreichen. Jede Feuerwehr will aber ihr eigenes Fahrzeug haben.
Kann man das verhindern?
Die großen Hersteller wollen das verhindern, denn sie sind auf große Stückzahlen ausgelegt. Es ist in Deutschland aber nicht realistisch, dass bundesweit einheitliche Fahrzeuge eingeführt werden.
Dazu bedarf es eines kompletten Umdenkens, so wie in Großbritannien oder Italien, wo es zwei, drei Fahrzeugtypen gibt. In Deutschland oder Österreich ist das undenkbar.
Auch weil Feuerwehren kommunale Einrichtungen sind?
Die Feuerwehr hat hierzulande auch einen ganz anderen gesellschaftlichen Stellungswert als beispielsweise in England oder Frankreich.
Wie wird es denn in zehn Jahren aussehen?
Wenn man sieht, dass Kommunen knapp bei Kasse sind, wird es in zehn Jahren stark anders aussehen. Ich gehe davon aus, dass sie die Fahrzeuge leasen werden.
Auch werden individuelle Anschaffungen abnehmen, hin zu standardisierten Fahrzeugen. Einzelfahrzeuge sind nun mal viel teurer als Serienfahrzeuge.
Wissen Sie eigentlich, wie Sie beim gemeinen Feuerwehrmann in Deutschland positioniert sind?
Bis 2003 / 2004 waren wir trotz der vielen ausgelieferten Bund-LF16TS eher unbekannt. Seitdem die Stückzahlen steigen, merkt man schon, dass die Firma Lentner bekannter wird. Unter anderem dadurch, dass wir öfters gebeten werden, bei einer Ausschreibung mitzubieten. Wir tun viel um bekannter zu werden, unter Anderem mit einem Auftritt bei der Fire Engineering Ende März in Köln, wo wir mit einem für unsere Verhältnisse großen Stand vertreten sein werden. Wie sind auch bei kleineren Messen vertreten und schalten Werbung.
Der Name Lentner steht insbesondere für Qualität. Das merkt man auch daran, dass ein verkauftes Fahrzeug oft zum „Selbstläufer“ wird. Die Feuerwehr möchte dann weiter bei uns einkaufen.
Im Vergleich zu den Bund-LF16TS sind das andere Zeiten.
Zum Vergleich: der Aufbau eines Bund-LF16TS kostete damals 27.000 D-Mark. Ein LF16/12-Aufbau kostet heute gut €130.000.
Wieviele Bundfahrzeuge haben Sie damals ausgeliefert?
Insgesamt waren das gut 4.700 Fahrzeuge für den Bund. Das waren LF16TS, Schlauchwagen, den übrigens Lentner in dieser Form „erfunden“ hat und später in die Normung aufgenommen wurde, RW1 und THW-Fahrzeuge.
In welchem Zeitraum war das?
Von 1983 bis 1995.
Beliefern Sie noch den Bund?
Der Bund schreibt nur noch sehr wenig aus, und es ist ein harter Preiskampf. Der Bund kauft wirklich nur noch nach Preis. Wir würden daran nichts mehr verdienen.
Herr Hausmann, danke für dieses Interview.
Geschrieben von Irakli um 08.02.06 10:23
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Kommentare
Erstmal: klasse interview. bei unserem neuen fahrzeug wurde lentner nur zweiter :(. grund: preis. alles andere interessiert die kommune gar nicht mehr. zumindest im osten. leider wird auch häufig dir wirtschaftlichkeit hinten ran gestellt.
*klugscheissmodusan*
und jetzt noch was zum thema schlauchwagen:
Herr Hausmann mag da für Westdeutschland recht haben, aber meines Wissens nach, gab es in der DDR weit vor 1983 Schlauchwagen.*klugscheissmodusaus*
Erstmal: klasse interview. bei unserem neuen fahrzeug wurde lentner nur zweiter :(. grund: preis. alles andere interessiert die kommune gar nicht mehr. zumindest im osten. leider wird auch häufig dir wirtschaftlichkeit hinten ran gestellt.
*klugscheissmodusan*
und jetzt noch was zum thema schlauchwagen:
Herr Hausmann mag da für Westdeutschland recht haben, aber meines Wissens nach, gab es in der DDR weit vor 1983 Schlauchwagen.*klugscheissmodusaus*
Geschrieben von: Stefan um 08.02.06 21:31
@Stefan: ich denke, er bezieht sich eher auf die Bauform. Wir in München hatten ja auch SW (1200 glaube ich) auf Magirus Eckhauber.
Geschrieben von: Irakli um 08.02.06 23:21
Herr Hausmann meint die Form mit Truppkabine, Gerätekoffer im vorderen Aufbauteil und Pritsche/Plane mit Ladebordwand im hinteren Aufbauteil.
Schlauchwagen gab in ganz Deutschland schon in den zwnziger Jahren. Die ersten genormten Schlauchwagen gab es als Schweren Schlauchkraftwagen (SSK)und Großen Schlauchkraftwagen (GSK) noch vor dem zweiten Weltkrieg.
Geschrieben von: Bernd Schneider um 09.02.06 12:50
Warum nur der Trend zu Aufbauten mit integrierten Mannschaftskabinen? Es gibt wohl kaum etwas unkomfortableres und umständlicheres.
Zum einen sitzt die Mannschaft nun im kaum stoßgedämpf gelagerten Aufbau, auf gleichem Komfortniveau wie Lüfter, Schlauchtragekorb und Generator. Hier bekommt der Begriff "Humankapital" eine neue Bedeutung für die Mannschaft. Zum zweiten ist die Verbindung nach vorne schwierig und nur über (anfällige) Faltenbälge und mehr oder weniger große "Durchreichfenster" möglich. Und fragt mal einen Mechaniker zu seiner Meinung über diese Verbindung, wenn er mal das Führerhaus kippen muss…
Oder die Mannschaft, die bei kurviger Einsatzfahrt versucht in Ruhe ihren PA aufzunehmen, oder Infos vom Gruppenführer zu bekommen. Dann besser Helm auf und Florentine einschalten…
Geschrieben von: michael um 09.02.06 22:25
