Potsdam übte den Katastropenfall
Einen Vormittag lang Ausnahmezustand, 400 Rettungskräfte, 200 Verletztendarsteller – viele Potsdamer sahen am Samstag (20. Oktober 2007) rot. In der brandenburgischen Landeshauptstadt fand die Katastrophenschutzübung „Roter Adler 2007“ auf der Havel im Bereich der „Langen Brücke“ und dem Lustgarten statt. Geübt wurde die Bekämpfung eines Massenanfall von Verletzten (MANV) und der Gefahrstoffhavarie auf der Havel.

MANV und Gefahrstoffunfall
Während einer Schiffsrundfahrt auf den Gewässern rund um Potsdam klagten rund 200 Gäste einer Betriebsveranstaltung und das Schiffspersonal über Unwohlsein und Kreislaufprobleme. Nachdem ein Notruf abgesetzt wurde, schlug ein Anlegemanöver fehl und das havarierte Schiff rammte einen äußeren Stützpfeiler der „Langen Brücke“ im Bereich der „Neuen Fahrt“. Oberhalb der Unglücksstelle – auf der gerammten Brücke – verursachten zusammenlaufende Schaulustige mehrere Auffahrunfälle. Auch ein Tanklastzug der Bundeswehr war daran beteiligt. Bei einem missglückten Ausweichmannöver kollidierte er mit einer entgegenkommenden Straßenbahn, durchbrach das Geländer der Fahrbahn und blieb stecken. Dabei wurde der Tank aufgerissen und größere Mengen Dieselkraftstoff liefen aus. Etwa 5000 Liter davon ergossen sich in die Havel.
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Schadensbekämpfung auf der “Langen Brücke”: Aufnahme des Gefahrstoffes und Sicherstellung des Brandschutzes (Für größeres Bild: Bitte draufklicken)
Kräfte aus dem ganzen Umland
Kurze Zeit nach Eintreffen der ersten Rettungskräfte wurde der Großschadensfall „MANV und Gefahrstoffunfall“ ausgelöst. Um den Bedarf an Rettungsmaterial und -kräften zu decken, wurde eine umfassende Alarmierung eigener und benachbarter Einsatzkräfte veranlasst. Dazu gehörten die Rettungsdienste aus der Stadt Potsdam, dem Kreis Potsdam-Mitellmark, dem Land Berlin und dem Kreis Havelland, die DRK Wasserwacht und die DLRG aus Potsdam, Feuerwehreinheiten aus Potsdam und Potsdam-Mitellmark, der THW Ortsverband Potsdam, die Wasserschutzpolizei, die Bundespolizei und die Schutzpolizei sowie Rettungsdienst- und Polizeikräfte der Bundeswehr.
Es wurden folgende Einsatzabschnitte gebildet (maps siehe am Ende der Seite):
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„Schiff“: Den hier eingesetzten Einsatzkräften von Feuerwehr, Katastrophenschutz und Wasserrettung oblag die Personenrettung von dem havarierten Fahrgastschiff, die Errichtung eines ersten Behandlungsplatzes (BHP) und der Transport und die Betreuung der verunfallten Personen
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„Behandlungsplatz“: Die vorwiegend vom Rettungsdienst und Katastrophenschutz gestellten Kräfte errichteten den BHP und versorgten zusammen mit den (teils virtuell angeforderten Ärzten aus dem örtlichen Krankenhaus) die Mittel- und Schwerverletzten medizinisch
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„Brücke“: Hier lag das Augenmerk auf der Schadensbekämpfung und der technischen Hilfeleistung im Bereich Brücke und Schiff, so galt es hier die verletzten Kraftfahrzeugführer zu retten, den auslaufenden Kraftstoff aufzunehmen und den Brandschutz sicherzustellen
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„Umweltgefahr“: Kräfte von Feuerwehr und THW verhinderten mittels Ölsperren die Ausbreitung und fingen bzw. beseitigten den in die Havel gelangten Dieselkraftstoff
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„Bereitstellungsraum“: In diesem Abschnitt wurden nachrückende Einsatzkräfte und -mittel koordiniert und die Versorgungsstrecke aufgebaut
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„Betreuungsstelle“: In einer nahe gelegenen Sporthalle wurden Leichtverletzte und Betroffene betreut und die Gesamtregistrierung vorgenommen
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Abtransport eines Schwerstverletzten mit einem SAR-Hubscharuber. (Für größeres Bild: Bitte draufklicken)
Gründe für das Szenario
Die jährlich wiederkehrende (Stabs-)Übung „Roter Adler“ fand auf Initiative von Oberbürgermeister Jann Jakobs in Potsdam statt. Hintergrund waren die häufigen Bombenfunde in Potsdam und damit einhergehende großräumige Evakuierungen der betroffenen Quartiere, die Jakobs die Gefahren zeigten, die zu einem MANV führen könnten. Der praktischen Übung ging deshalb 2006 ein Planspiel auf Stabsebene voraus.
Da rund ein Fünftel der Stadt Potsdam aus Wasserflächen besteht und die drei Havelübergänge kritische Punkte darstellen, entschied sich die Stadt für die Simulation eines Unfalls auf dem Wasser, zumal aufgrund des Fahrgastschiffsverkehrs eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür bestehe. Auch die Leitung des PKW-Verkehrs bei Ausfall einer der beiden wichtigsten Brücken, war ein untergeordnetes Übungsziel, auch wenn auf die komplette Sperrung der „Langen Brücke“ verzichtet wurde.
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Eindrücke vom Behandlungsplatz. (Für größeres Bild: Bitte draufklicken)
Belastung der Strukturen
Natürlich sollten auch die Strukturen und die Zusammenarbeit der Organisation angesichts einer so umfassenden und komplexen Katastrophenlage einem Test unterzogen werden. So waren, wie schon aufgeführt, neben Feuerwehr auch überörtliche Kräfte und die Bundeswehr an der Übung beteiligt. Organisatorisch stellte dies auf der Führungsebene, wie auch in der konkreten Zusammenarbeit der Kräfte eine Herausforderung dar. Oberbürgermeister Jakobs sagte aber nach der Übung, dass es „reibungslos gelaufen ist“, obwohl so viele unterschiedliche Kräfte eingesetzt waren. Als Vorteil sahen die Vertreter von Feuerwehr, Bundeswehr und der Oberbürgermeister, dass sich die Kräfte der Einheiten persönlich kennen. Das reibungslose Abwickeln einer Katastrophe ist „nur lösbar im Zusammenhang mit anderen Kräften“, setzt aber auch die Kenntnis der Befehls- und Arbeitsstrukturen anderer Organisationen voraus.
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Schadensbekämpfung auf der Langen Brücke und Ölsperren zum Aufhalten des Kraftstoffes. (Für größeres Bild: Bitte draufklicken)
Kommunikation als Knackpunkt
Die Errichtung der Kommunikationsinfrastruktur wurde durch den Fernmeldezug die Fachgruppe Führung/Kommunikation mit Weitverkehrstrupp des THW vorgenommen, unter anderem stellte das THW einen hohen Funkmast. Dennoch erwies sich gerade die Kommunikation als fehlerbehaftet. So dauerte unter anderem die Evakuierung des havarierten Schiffes und auch am BHP benötigten die Rettungskräfte für Behandlung der Verletzten deutlich zu lange. Ursächlich dafür waren nach Aussage von Potsdams Feuerwehrchef Wolfgang Hülsebeck sowohl fehlende Funkgeräte, wie auch deren die falsche Verteilung.
Die in der Übung eingesetzten Mobiltelefone erwiesen sich nach Aussage von Hülsebeck und Oberst Axel G. Löwe vom Landeskommando Brandenburg der Bundeswehr nicht als Alternative. Dem Mobiltelefon fehlten die Vorteile des Funks, beim dem mehrere Personen geräteunabhängig zuhören oder angerufen werden können.

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Eindrücke vom Behandlungsplatz und Funkmast des THW. (Für größeres Bild: Bitte draufklicken)
„Man muss Menschen auch mal was zumuten“
Aber, und das betonten sowohl Potsdams Oberbürgermeister Jakobs als auch Hülsebeck mehrfach, Ziel jeder Übung und speziell auch dieses Szenarios, war es Probleme, insbesondere in der Kommunikation, zu finden und in Zukunft zu beheben. „Bestimmte Schwachstellen werden nur bei Großübungen sichtbar“, sagte Wolfgang Hülsebeck. Dennoch betonten die Verantwortlichen, dass bei einem Realeinsatz in dieser Größenordnung die Anspannung größer wäre und es chaotischer laufen würde. Auch können bei einer solchen Lage nicht die Hilfsfristen des Alltagsgschäfts als Messlatte angelegt werden, antwortete Hülsebeck auf die Frage einer Pressevertreterin, ob es denn realiter Tote gegeben hätte, wenn die Rettung so lange dauert.
Oberst Löwe betonte zum Schluss, dass die Übung auch das Vertrauen der Bevölkerung in Katastrophenschutz stärken sollte, gerade auch deshalb, weil zum ersten Mal die neue Struktur der Bundeswehr, die seit 2007 bestehenden Verbindungskommandos auf Landesebene, getestet wurde. Herr Stolper vom brandenburgischen Innenministeriums ergänzte, dass man dem Bürger die mit der Übung einhergehenden Verkehrsbeschränkungen zumuten musste. Ob das auch für die mit Sondersignal anrückenden Einheiten galt, die eine beeindruckende Geräuschkulisse schufen, sei dahingestellt.
Negativ aufgefallen sind mir zwei Dinge: Zum einen Polizeikräfte, die offenbar den Unterschied zwischen Übung und realem Einsatz nicht kennen und das Wort „Übungsdokumenation“ noch nie gehört haben, und sich entsprechend gegenüber den Pressevertretern verhalten haben. Zum anderen der “kleingeistige Einfall” (Zitat eines lokalen Pressefotografen) von örtlichen Feuerwehrkräften die Dokumentation anwesender Fotografen (im Beisein des Presseamtes!) durch Hochhalten einer Decke zu unterbinden.
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Eindrücke vom Bereitstellungsraum, SAR-Landeplatz Schaumteppich auf der Havel und Einsatzleitung (Für größeres Bild: Bitte draufklicken)
Persönliche Anmerkung
Ich bin zufällig am Ort der Katastrophenschutzübung vorbeigekommen, eigentlich wollte ich unter anderem den „Park Babelsberg“ durchwandern. Weit gekommen bin ich auf meinem Weg dorthin, wie ihr hier lesen konntet, nicht. Glücklicherweise habe ich meine Kamera, Schreibzeug und wichtige Ausweisdokumente fast immer dabei. Da ich unvorbereitet und auch zu spät eintraf, habe ich nicht mehr alles gesehen und konnte deshalb nicht alles dokumentieren.
Ich musste allerdings nicht neben dem Bereitstellungsraum stehen, um zu erkennen, dass dort eine Übung vollzogen wurde. Bereits am Abend vorher, als ich auf dem Weg zum Lesertreffen in Potsdam war, wunderte ich mich über mehrere Fahrzeuge des Betreuungszuges des Katastrophenschutzes, der mit Baulicht die Breite Straße herauf und herunter fuhr. Am nächsten Tag brauchte ich die nur die (zeitlich auf einem Schild angekündigte) Straßensperrung und die mit Sondersignale anrückenden Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr hinter der Absperrung zusammen zählen, um zu erkennen, was im Lustgarten in Potsdam vor sich geht.
(maps: Lange Brücke, Behandlungsplatz II, Umweltgefahr, Bereitstellungsraum/Einsatzleitung, SAR-Landeplatz, Gesamtkarte)
Links und weiterführende Informationen [update 22.10.07,17 Uhr]:
- Bildergalerie im Fotostream des FWB bei Flickr (mit Geotags)
- Artikel in den Potsdamer Neuesten Nachrichten
- Artikel in der Märkischen Allgemeinen
- Artikel bei Potsdam-ABC (mit Bildergalerie)
- Pressemitteilung der Stadt Potsdam (mit Übersicht der eingesetzten Einheiten)
- Feuerwehr-Doku Berlin-Brandenburg (Bilder folgen wohl noch)
- Feuerwehr Potsdam
Technorati Tags: Feuerwehr, Potsdam, Katastrophenschutz, Katastrophenschutzübung, Roter Adler 2007, Übung, Havarie, Gefahrstoffunfall



















Hallo Stefan, toller Bericht! Danke dafür!
Geschrieben von Lars am 22. Oktober 2007 um 13:13