Ein neuer Einsatzleitwagen der Feuerwehr Konstanz erleichtert das Führen im Einsatz

„Wir waren mitten in der Abnahme, als die Alarmstärkenerhöhung kam“, erzählt Hendrik Roggendorf von der Feuerwehr Konstanz. Denn der am 21.Dezember 2006 gerade in Dienst gestellte Einsatzleitwagen der Konstanzer Wehr wurde beinahe zu einem Gebäudebrand in den Ortsteil Wollmatingen gerufen. „Gefechtsmäßig machten wir das Fahrzeug klar, wurden aber an der Einsatzstelle nicht mehr benötigt“. Lange auf die Feuertaufe warten musste das Fahrzeug dann aber doch nicht. Keine acht Stunden nach meinem Ortsbesuch am 6. Januar auf der Konstanzer Feuerwache hatte der Einsatzleitwagen seine „Feuertaufe“. Der Wagen wurde zu einem Zimmerbrand im 6. Obergeschoss eines Wohnhauses im Konstanzer Stadtteil Petershausen gerufen.
Bereits vor zwei Jahren machte sich eine ad hoc eingerichtete Arbeitsgruppe der Feuerwehr Konstanz Gedanken über die Ausführung eines neuen Einsatzleitwagens (ELW). Er sollte den alten ELW ablösen, der immerhin 25 Jahre auf dem Buckel hatte. „Das Fahrzeug war technisch und taktisch überholt“, so der Sprecher. In die Planungen flossen neben den Vorgaben der Norm, den Bestimmungen der Feuerwehrdienstvorschrift (FwDV) 100, auch Konstanzer Erfahrungen ein. Vorgesehen ist der ELW für die Führungsstufe C. Zusammen mit dem Anhänger der Führungsgruppe kann sogar auf der Führungsstufe D gearbeitet werden.
Platzangebot als Entscheidungsgrundlage
Besonders großen Wert legte die Wehr auf die Nutzfläche. Die gewünschten 8,5 Quadratmeter „bildeten dabei die Entscheidungsgrundlage“. Denn im alten ELW erwies sich der mangelnde Platz als Problem. Als Knackpunkt erwies sich dann die Suche nach einem passenden Fahrgestell. Der zunächst favorisierte Mercedes-Benz Sprinter konnte das vorgesehene Raumprogramm nicht erfüllen. „Als Ergebnis der Ausschreibung wurde daher entschieden, auf einen MB-Vario Kastenwagen aufzubauen“, erklärt Roggendorf.
Wie auch beim alten Fahrzeug sollten zwei Räume vorhanden sein: Ein Raum für die Fernmelder und ein Arbeitsraum. Hierbei ergab sich die nächste Schwierigkeit. Da technische Neuerungen auch vor der Feuerwehr keinen Halt machen, mussten die Arbeitsplätze im Fahrzeug so ausgelegt werden, dass sie auch den „potenziellen Anforderungen in zehn Jahren noch gerecht werden.“ Zum Beispiel musste Platz für ein elektronisches Lageführungssystem einkalkuliert werden.
Der Arbeitsraum der Fernmelder und ein Geräteraum sind im Heck untergebracht. Im vorderen Bereich entsteht durch den drehbaren Fahrer- und Beifahrersitz ein Arbeitsraum für drei Personen. Grund für diese Variante ist ein Resultat der Überlegungen der Konstanzer Wehr. „Man hat festgestellt, dass im alten ELW in 25 Jahren nicht eine Besprechung geführt wurde, weil der Platz dafür fehlte.“ Insgesamt bietet der neue ELW also Platz für fünf Personen.
Technische Ausstattung
Der ELW verfügt über drei Funkgeräte im 4m-Bereich, drei Funkgeräte im 2m-Bereich sowie fünf FuG 11b für den mobilen Einsatz. Für die Zusammenarbeit im Rahmen der „Internationalen Ölwehr Bodensee“ und der grenzüberschreitenden Kommunikation steht ein FuG 10b mit den analogen Kanälen der Schweizer Feuerwehren zur Verfügung. Das Gerät wurde vom Land Baden-Württemberg bereit gestellt.
Hintergrund Führungsgruppe
Die Führungsgruppe der Feuerwehr Konstanz besteht aus 16 Personen. Die Vorgabe lautet, dass diese mindestens Gruppenführer sein sollten. Sie ist ein „Hilfsmittel des Einsatzleiters“, sagt Bernd Oser, Brandmeister vom Dienst und stellvertretender Zugführer des 3. Zuges. Aufgebaut wurde die Gruppe vor vier Jahren. Ihr historischer Vorläufer war die „Frauengruppe“, die damals reine Fernmeldeaufgaben wahrnahm.
Die Telefonie-, Fax- und IT-Anbindung erfolgt über eine GSM-Schnittstelle. „Später soll noch eine Ergänzung durch UTMS stattfinden.“ Ein Mobiltelefon mit Freisprecheinrichtung steht als Rückfallebene zur Verfügung. Es werden sechs DECT-Mobiltelefone mitgeführt. Ferner verfügt die Einsatzleitung über eine Drucker-Scanner-Fax-Kombination sowie ein Notebook. Neben den Standard-Office-Anwendungen werden auf dem Notebook Kartenanwendungen und GIS-Reader mit feuerwehrrelevanten Overlays zum Einsatz kommen.

Abbildung 1: „Eigentlich ein ELW 1,7“, erzählt Bernd Oser, BvD der FF Konstanz.
Der Bereich der Fernmelder verfügt über eine rechnergesteuerte Auswertung von FMS-Telegrammen, die mit einer entsprechenden Auswertungssoftware grafisch dargestellt werden und der Einsatzleitung einen Überblick über ausgerückte und eingetroffene Kräfte ermöglicht. „Für eine vernünftige Einsatzplanung musste ein Rechner drauf, der immer an ist“, erklärt Roggendorf. So ist gewährleistet, dass er auch den Status bereits im Einsatz befindlicher Fahrzeuge ordnungsgemäß anzeigt. Zum Einsatz kommt die Software M.I.K.A.S.2000.
Das Fahrzeug ist für eine Anbindung an ISDN, DSL und Analoganschlüsse vorbereitet. Die entsprechenden Möglichkeiten zur Einspeisung sind vorhanden. Je nach Lage kann dann der Leiter der Führungsgruppe einen entsprechenden Anschluss an das Festnetz vornehmen lassen. „Dies macht aber erst dann Sinn, wenn die Einsatzdauer entsprechend lang und komplex ist“, erklärt Roggendorf.
Ein UTFRef-fähiges GPS-Gerät dient außerdem als Rückfallebene, wenn es in „unwegsames Gelände geht.“ Nicht ohne Ironie zeigt Hendrik Roggendorf „das wichtigste Arbeitsgerät auf dem Fahrzeug: das Fernerkundungsgerät“- kurz Fernglas. „Die Norm schreibt es nun mal vor.“

Abbildung 2: Blick in den Raum der Fernmelder. Links ist der Einsatzstellenfunk mit dem FMS-Rechner zu sehen. Auf der rechten Seite ist der 4m-Meter Bereich. Das Herzstück ist jeweils das Major 4 Bedienteil.

Abbildung 3: IuK-Technik: Einspeisung/Ausspeisung von Strom und Telekommunikation.

Abbildung 4: Blick in den Arbeitsraum. Über dem Notebook ist der FMS-Rechner.

Abbildung 5: Fernerkundungsgerät

Abbildung 6: GPS-Gerät
Arbeiten am und im Fahrzeug
Die Vorgabe für die Führungsgruppe lautet, „das Fahrzeug in fünf Minuten einsatzbereit zu machen.“ Mit einem MB-Sprinter wäre das nicht möglich gewesen. Das dazu erforderliche Personal hätte mit einem Mannschaftstransportwagen (MTW) nachgeführt werden müssen. Die Lagedarstellung erfolgt unter Verwendung von Whiteboards, Flipcharts und taktischen Zeichen nach FwDV 100 auf der Fahrerseite. Durch eine verbesserte Anordnung der Arbeitsmittel, einen erweiterten Wetterschutz durch eine größere Markise mit Seitenabschirmung und einer blendfreien Umfeldbeleuchtung werden die Arbeitsbedingungen für die Einsatzleitung deutlich verbessert. Ein Auszug auf der Fahrerseite stellt dem Lagekartenführer mit einem Handgriff die Materialien zur Lagedarstellung zur Verfügung. Am alten ELW war die Lagedarstellung in dieser Form nicht möglich. So fehlte Platz für das Material zur Lagedarstellung, es gab keinen Wetterschutz und keine Ablagemöglichkeiten für Material.

Abbildung 7: Arbeitsmaterial des Lagekartenführers

Abbildung 8: Arbeitsmaterial des Lagekartenführers
Außerdem ließ die Anordnung des Funktisches keine Informationsauswertung auf der Anfahrt zu, weil die Geräte im Rücken des Fahrers nicht zugänglich waren. Nun wird der Fernmelderaum schon auf der Anfahrt besetzt, sodass bereits auf dem Weg zur Einsatzstelle Informationen aufbereitet werden können. So geschah es auch beim Brandeinsatz in Petershausen am 6. Januar.
Weiterhin stellten die Wehrleute fest, dass die Lage auf der Beifahrerseite nicht optimal geführt werden konnte. Die Schiebetür verhinderte die Anbringung der Whiteboards. Die Kommunikation zwischen Lagekartenführer und Fernmelder war durch die Sitzposition der Letzteren nur eingeschränkt möglich: Der Funker saß so ungünstig, dass eine Kommunikation mit dem Lagekartenführer erschwert war. Im neuen ELW gibt es dieses Hindernis nicht mehr: Lagekartenführer und Fernmelder können sich über ein Schiebefenster auf der Fahrerseite austauschen.
Ganz zufrieden sind die Wehrleute aber nicht. Ein kleiner „Schönheitsfehler“ liegt nicht am Fahrzeug oder seiner Ausführung, sondern an einem Ausrüstungsgegenstand. Es handelt sich um den 5kV-Generator. Die Feuerwehr hätte sich einen kleineren und leiseren 2kV-Generator gewünscht. So einen gibt es aber bei der Feuerwehr generell nicht. Sofern der Generator während eines Einsatzes im Heck bleibt, stört dieser durch seine Lautstärke den Arbeitsbetrieb. Aber die Feuerwehr ist das Improvisieren ja „gewohnt“.

Abbildung 9: Arbeit mit dem alten ELW. Zu sehen ist auch die Problematik mit den Whiteboards. Bild: Feuerwehr Konstanz.

Abbildung 10: Funktisch im alten ELW. Bild: Feuerwehr Konstanz.
Ebenfalls wichtig war der Wetterschutz. Er besteht aus drei Markisen, die rund um das Fahrzeug ausgezogen werden können. „Das mag zwar aussehen wie ein Flugzeug, fliegen kann es aber nicht.“ Ist eine Markise ausgefahren, lässt sich das Fahrzeug nicht starten. Eine Zündunterbrechung verhindert das.
Mission erfüllt
Das erste Urteil nach dem Brandeinsatz in Petershausen fasst Hendrik Roggendorf so zusammen: „Die Konzeption des neuen Fahrzeuges hat sich bei dieser Gelegenheit erstmals bewährt. Auf der Anfahrt konnten die Fernmelder bereits umfassende Informationen zur Lage sammeln, die durch den Lagekartenführer nach Ankunft umgehend in die Lagekarte einfließen konnten. Auch konnte Pressesprecher Nikolaj Schutzbach bereits an der Einsatzstelle seine Pressemitteilung verfassen.“ Die Konstanzer Wehrleute sind nun endlich froh über das Ende der Improvisation. Vieles, was im neuen ELW selbstverständlich ist, konnte mit dem alten ELW nicht realisiert werden.

Abbildung 11: Drei Markisen dienen als Wetterschutz. Im Heck zu sehen ist auch das Gerätefach mit einem 5kV-Generator.

Abbildung 12: Auf der Fahrerseite wird die Lage geführt. Zu sehen sind zwei Whiteboards und der Materialkasten.

Abbildung 13: Trübt die Freude am neuen Fahrzeug etwas: Der zu laute Generator.

Abbildung 14: Ist die rote RKL eingeschaltet, bedeutet das: Der Einsatz wird nun von hier geführt.
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Weiterführende Links:
- Bilderstrecke Einsatzleitwagen der Feuerwehr Konstanz bei Flickr
- Reportage über die Feuerwehr Konstanz im FWB
- Website der Feuerwehr Konstanz
- Ein Bericht von Nikolaj Schutzbach (FF KN) über den ELW findet sich auch im Südkurier, Ausgabe Konstanz: Gut gerüstet für Großbrände
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Ein sehr interessanter Artikel! Super!
Geschrieben von Hans am 13. März 2007 um 18:37