Besuch der Vergleichswettkämpfe Unfallrettung (VU) 2006 in Osnabrück

Neuland betraten die Veranstalter der VU 2006 am vergangenen Wochenende in Osnabrück: Noch nie zuvor wurde ein vergleichbarer Wettkampf in Deutschland ausgetragen. Nach zwei Tagen harten Ringens und dutzender zerschnittener Fahrzeugwracks stand der Civil Protection Luxemburg Marmer als Sieger der Gesamtwertung fest. Der Initiator der VU, Jan Südmersen, meinte sinngemäß, es sei schon eigenartig, wenn bei einer deutschen Meisterschaft die zwei Teams aus Luxemburg dominieren.
Zu bewältigen gab es für die 16 Teams zwei Szenarios: Das „Unlimited Pit“ (schonend und sicher) und das „Rapid Pit“ (schnell und sicher). Bei beiden Szenarios musste eine Person – in diesem Fall sogar eine lebende Person, die zuvor in das Fahrzeug geklettert war – gerettet werden. Während die Teams beim „Unlimited Pit“ 20 Minuten Zeit und den vollen THL-Gerätesatz zur Verfügung hatten, wurde die Zeit beim „Rapid Pit“ auf zehn Minuten begrenzt und der Gerätesatz eingeschränkt. Außerdem, so die Vorgabe, setzte nach fünf Minuten die Atmung des Patienten aus. Keine leichte Aufgabe also, aber, wie der Team-Captain der Freiwilligen Feuerwehr Bad Schönborn sagte: „Geht nicht, gibt es nicht!“

Unlimited Pit: BF Luxemburg
Jede Mannschaft hatte vor Beginn der Wettkämpfe im „Unlimited Pit“ die Möglichkeit, sich aus einem großen Pool an Geräten aus dem Bereich der technischen Hilfeleistung die Werkzeuge auszusuchen, die das Team meinte zu benötigen – ohne dass das Szenario bekannt war. Jedes Team erhielt ein eigenes Szenario. Beim „Rapid Pit“ waren die Werkzeuge vorgegeben, das Szenario, verglichen mit dem „Unlimited Pit“, nicht ganz so komplex.

Blick auf die Geräteablage: Die Aussteller der Fachmesse stellten teilwesie Geräte zur Verfügung.
Ein Team bestand aus sechs Leuten: Dem Captain (Teamleiter), dem Medic (innerer Retter), den Tools (Angriffstrupp) und den Safeties (Sicherungstrupp). Der Captain ist der Einsatzleiter. Er hat in der Hauptsache Kommunikationsaufgaben, d.h. er sorgt für die Abstimmung der drei Aufgabenbereiche und sagt, was zu tun ist. Der Medic betreut die eingeklemmte Person. Er ist auch für die Erkundung des Innenraumes des Fahrzeuges verantwortlich. Seine medizinischen Maßnahmen sind auf das Erfassen der Vitalfunktionen, Sicherung der Atemwege, Immobilisation und schonendes Retten beschränkt. Die Tools bedienen nach Rücksprache mit dem Captain die Rettungsgeräte. Sie werden dabei durch die Safeties unterstützt, die auch für die Sicherung des Fahrzeuges zuständig sind.



Unlimited Pit
Obwohl der Sieger aus Luxemburg kam, haben eigentlich alle Mannschaften gewonnen. Denn die Vorbereitung auf die VU hat einen nicht unwesentlichen Lern- und Trainingseffekt für die teilnehmenden Teams. Dieser Effekt dient wiederum als Multiplikator in den Wehren, wie der Team-Captain aus Göttingen erklärte. Gerade die komplexen Szenarien, die es in der Vorbereitung durchzuspielen galt, führen zu einem Erkenntnisgewinn. Letztlich ist der Sieger des Wettkampfes auch der Patient!
Ganz reibungslos lief die Vorbereitung der einzelnen Teams nicht. So wurde mir von zunächst desinteressierten Feuerwehrleuten erzählt, die sich fragten, was diese VU-Geschichte soll, als auch von Wehrführungen, die ihr VU-Team in keiner Weise unterstützte. Zumindest die Feuerwehrleute konnten vom Nutzen der Veranstaltung überzeugt werden.




Nur fünf Minuten brauchte die BF Wuppertal beim Rapid Pit




In der Gesamtwertung auf Platz 2: BF Luxemburg

Als letzte dran beim Rapid Pit: BF Hildesheim

TRT BF Mönchengladbach beim Rapid Pit
Die VU ist die erste Veranstaltung dieser Art und muss sich offenbar erst noch etablieren. Darin sind sich die teilnehmenden Teams und auch die anwesenden Aussteller einig, wie mir im Gespräch berichtet wurde. Und darin mag auch der Grund für die Vorbehalte von Feuerwehrleuten und Wehrführungen liegen: Neues braucht seine Zeit, bis es sich durchzusetzen vermag.
Die Teilnehmer waren vom Sinn und Nutzen der VU überzeugt und sehen in der Veranstaltung wohl die beste Möglichkeit die THL bei Verkehrsunfällen im Vergleich zu anderen Feuerwehren zu bewältigen, aber auch einen maximalen Lerneffekt zu erzielen. Schon während der Veranstaltung erklärten sich einige Teams bereit, im nächsten Jahr wieder teilnehmen zu wollen.
Egal ob es sich um Telefonzelle auf Auto, Auto an Hydrant, Auto mit Strommast in der Fensterscheibe handelte, fiel doch eines auf: Das Vorgehen der Teams war relativ ähnlich. Natürlich gab es kleinere Unterschiede, aber gerade die Unterschiede machten den Reiz der Veranstaltung aus: Lernen von anderen! Insgesamt heißt das auch, dass Verkehrsunfälle mit standardisierten Einsatzregeln bewältigt werden können. Teure Sonderfahrzeuge und Spezialgeräte sind also nicht immer notwendig. Gearbeitet wurde auch beim „Unlimited Pit“ meist nur mit wenigen Geräten.
Sehr überrascht war, ich wie schnell die Teams zum Einsatzerfolg kamen. Beim „Rapid Pit“ benötigten die Mannschaften im Schnitt fünf bis sechs Minuten. Realitätsgerecht ist diese Zahl aber nur bedingt: Bei einem realen Verkehrsunfall müssen Alarmierung, Ausrücken, Anfahrt, Eintreffen an der EST und die Bereitstellung der Rettungsgeräte hinzugerechnet werden. Dennoch waren die Schnelligkeit und auch die Qualität der Rettung beeindruckend.

Führte zu Gelächter: Beim Versuch den Baumstamm von einem Auto zu wuchten, zerstörte das Team der FF Ebstorf den “Pseudo”-Stromverteilerkasten.
Besonders wichtig war neben der patientenschonenden Rettung auch die Kommunikation zwischen den Teammitgliedern, weshalb dafür ein extra Preis ausgelobt war. Die Rettung einer Person ist nämlich nicht stures Ausführen von Befehlen und maximalem Geräteeinsatz, sondern Rettung ist Kommunikation. Nur durch Kommunikation kann flexibel auf veränderte Lagen reagiert werden. Das erfordert natürlich auch das Mitdenken der Rettungskräfte. Den Preis für den besten Teamzusammenhalt bekam deshalb die Feuerwehr aus Bad Schönbron.
Die Punktrichter bezogen die Aussage der zu rettenden Person in ihre Bewertungen mit ein. Im Gespräch mit einer der beiden Darstellerinnen erfuhr ich zwei Dinge, die mir und jedem anderen Feuerwehrmann, wegen fehlender persönlicher Erfahrung, so nicht auffallen: Der Lärm im Fahrzeuginnern und das Gespräch mit dem Patienten. Als Außenstehender wird der Lärm ganz anders wahrgenommen, wie als Patient in einem verunfallten Fahrzeug. Dort ist der Lärm um einiges höher. „Ich hatte schon ein wenig Angst“, meinte Anna Sellmeier, als einige Feuerwehren zur Säbelsäge griffen, um an die Patientin heranzukommen. Deshalb ist das Gespräch mit dem Patienten auch wichtig. Ihm muss gesagt werden, was als nächstes geschieht. Dabei muss der Medic beruhigend einwirken können.


Die zwei Frauen spielten zwei Tage lang die zu rettenden Opfer.
Der Höhepunkt des Wettkampfes war das Szenario für die Schiedsrichter. Endlich hatten die Team-Captains die Möglichkeit Rache zu üben. Verzeihung, ich meinte natürlich, den Schiedsrichtern die Schweißperlen auf die Stirn zu treiben. Das Schiedsrichter-Team, um den Team-Captain Jan Südmersen, wurde eingeschlossen und ein wahres Horrorszenario aufgebaut: Drei PKWs auf- und ineinander, mit drei zu rettenden Personen. Außerdem hatte ein PKW einen Baumstamm in der Windschutzscheibe, ein anderer war mit der Fahrertür an einem Hydranten eingekeilt. Um Jan etwas zu ärgern, wurde zunächst dessen Privat-PKW in das Szenario eingebaut, später, zu Jans Erleichterung, aber wieder entfernt.

Das Schiedsrichter-Szenario

Der Privat-PKW des Ober-Schiedsrichters Jan Südmersen

Das TRT Schiedsrichter tritt an; Jan sieht sein Auto im Szenario

Jan und sein Team sollten nur mit diesen geräte arbeiten, darunter Jans Lieblings-Werkzeug. Zur Erleichterung des Teams entpuppte sich das als Scherz.
Jan und sein Team hatten zwanzig Minuten Zeit mit ihrem zuvor ausgewählten Gerätesatz der Lage Herr zu werden – in 19,20 Minuten hatten Sie es geschafft. Alle drei eingeschlossenen Personen konnten gerettet werden, darunter ein stattlicher, 110 Kilogramm schwerer Feuerwehrmann. Jan bekam im Anschluss deshalb auch 188 von 200 möglichen Punkten bei der Bewertung des Einsatzleiters.



Die Veranstalter hatten außerdem eine Fahrzeug- und Fachausstellung organisiert. Beides war sehr übersichtlich. Auf der Fachausstellung waren Vertriebspartner bzw. Hersteller von Produkten aus den Bereichen THL-Produkte, medizinische Produkte, Persönliche Schutzausrüstung und weitere Ausrüstungsgegenstände sowie weitere Unternehmen vertreten.
Von Ausstellerseite aus war man mit einem Fazit zu der Veranstaltung etwas zurückhaltend. Denn, wie auch schon bei den Meinungen der teilnehmenden Wettkampfteams, ist man der Ansicht, die Veranstaltung müsse sich erst etablieren. Außerdem, so mein Eindruck, sind einige Hersteller eher vertreten, um vertreten zu sein. „Entscheider“, wie im Feuerwehr-Jargon diejenigen Personen heißen, die über Beschaffungen bestimmen, sind auf derartigen Messen wohl weniger vertreten. Diese Ansicht bestätige sich im Gespräch.
Die Fahrzeugausstellung sorgte bei einigen normbewussten Zeitgenossen kurzzeitig zu erhöhtem Blutdruck, aber mir sind keine medizinischen Notfälle bekannt geworden. Wie Jan Südmersen angekündigt hatte, standen einige sehr interessante Fahrzeuge vor der Türe. Darunter waren der GW-Bahn von der FF Lengerich, ein GW-Rett der BF Osnabrück, das VHLF der FF Ebstorf, das HLF 20/16 der FF Haselünne, ein HLF 20/16 und LF 10/6 von Schlingmann, der HURW der FF Ascheberg, ein RW der FF Osnabrück-Voxtrup der VRW der FF Vechta und ein MZF der BF Düsseldorf. Eines hatten alle diese Fahrzeuge gemeinsam: Sie hatten einen Bezug zur technischen Hilfeleistung.

GW-Bahn, FF Lengerich

GW-Rett, BF Osnabrück

HLF 20/16, FF Haselünne

LF 10/6 TH, Vorführfahrzeug von Schlingmann

HLF 20/16, Vorführfahrzeug von Schlingmann

MZF, BF Düsseldorf

VHLF, FF Ebstorf

RW1, FF Osnabrück

HLF, BF Osnabrück

HURW (Multistar), Ff Ascheberg
Auch wenn ich, als ich am Samstag die Halle Gartlage in Osnabrück betrat, zunächst etwas enttäuscht war, so kann ich retrospektiv den Veranstaltern nur meine Hochachtung aussprechen. Dafür, dass die VU zum ersten Mal stattfand, wurde viel geboten.
Überrascht aufgenommen habe ich das positive Feedback von Ausstellen und Besuchern der VU über die Inhalte des Feuerwehr Weblog. Vielen ist das FWB ein Begriff, wenn auch leider noch nicht allen.
Ich persönlich hatte gehofft, Erkenntnisse für die THL-Ausbildung meiner Feuerwehr mitnehmen zu können. Dem war leider nicht so. Da ich als Zuschauer nicht unmittelbar ins Geschehen involviert war, konnte ich vieles nicht sehen (und auch nicht fotografieren).
Auch meine Planungen für den Artikel wurden aus mehreren Gründen schon frühzeitig hinfällig – nicht erst mit dem Malheur mit dem Aufnahmegerät. Schlechtes Wetter am Samstag machte eine ausführliche Fotoreportage über die ausgestellten Fahrzeuge zunichte – meine Müdigkeit erledigte den Rest.


Vor der Halle wurden die Fahrzeuge zugerichtet!
Positiv aufgenommen habe ich außerdem, dass nur ein Feuerwehrsouvenir-Stand vertreten war – im Gegensatz zu anderen Messen, die fast nur noch daraus bestehen. Das reduzierte die Anwesenheit der Spezies „Sammler und Jäger“ erheblich. Immer etwas schmunzeln muss ich auch, wenn ganze Abteilungen in ihrer ersten Garnitur auftauchen – aus welchem Grund auch immer.

Der Gewinner: Civil Protection Luxemburg Marmer

Ralph von @fire
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die VU als Zuschauer weniger ein Spektakel war, als für die Teilnehmer. Mal sehen, ob ich bei der nächsten VU Teil eines Teams sein kann, wünschen würde ich mir es jedenfalls.
- Link zur Webseite des VDFU
- Eine Bilderserie gibt es bei Flickr.



















Hallo!
Erst einmal danke für den “geretteten” Bericht.
Natürlich machen wir uns auch Gedanken, was wir verbessern können. Zu ein paar Punkten hier mal meine privaten Gedanken:
1. Luxemburg
Das die Jungs aus Lux die ersten beiden Plätze abgeräumt haben, stieß nicht überall auf Begeisterung. Aber erstens haben sie sich die Plätze verdient und zweitens hatten wir auch nSicht ausreichend Anmeldungen aus D, um alle Slots zu füllen. Jetzt können wir nur noch darüber streiten, ob es gilt den “deutschen” oder “deutschprachigen” Meister zu ermitteln.
2. Zuschauer
Ja, die konnten nicht alles immer zu 100% sehen. Das liegt aber auch in der Natur der Sache. Nächste Mal überlegen wir uns, eine Übertragung auf Großbildleinwand einzurichten. Aber auch das muss erst einmal organisiert werden…
3. Lerneffekt
Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse aus unserer USA-Teilnahme war: bei der Unfallrettung kommt es fast immer auf Schnelligkeit an. Doch genau das wird bei der FW-Ausbildung zu oft vernachlässigt; da wird dann stundenlang an Schrott-PKW herumexperimentiert, etc. Da wird einem was von schonender Rettung erzählt und im Einsatz wird der Schonung die Schnelligkeit geopfert.
Wenn man die Unfallrettung beschleunigen will, kann man das hauptsächlich durch Teamwork schaffen. Nicht durch noch mehr Geräte oder noch buntere Fahrzeuge, sondern nur durch Training. Und wenn man das erst einmal drinne hat, dann ist das Szenario auch relativ egal. Beobachtete Hauptmankos waren, dass zuwenig vorausgedacht worden ist und kein Multitasking stattfand. Hier gibt es noch viel Arbeit.
4. Teams
- die Luxemburger hatten zweifelsohne den Vorteil, dass sich schon an solch einem Wettbewerb teilgenommen haben. Andere hatten aber z.B. unsere Unterlagen genau studiert (Kaltenkirchen) oder uns in Cloppenburg beobachtet (TRT MG). Für das nächste Mal werden wir aber alle Teamleiter im Vorfeld noch einmal genau briefen. Sofern gewünscht, führen wir auch Fortbildungen vor Ort durch.
5. Rahmenprogramm
Eigentlich ist kein Rahmenprogramm notwendig. Aber da wir eh die ganze Halle hatten und wir meinten, es würde die Veranstaltung attraktiver machen, haben wior Fahrzeug- und Fachausstellung dazu genommen. Zumindest die Fahrzeugaustellung war aber wg. Wetter “über”. Und die Fachaussteller waren eher froh, eine Ausstellung ohne Standgbühren zu haben. Und natürlich wollte sich keiner erlauben nicht dabei zu sein…
6. Zukunft
Müssen wir sehen. Insbesondere aufgrund der Probleme mit der Beschaffung von Schrott-PKW wird die vfdu das nicht jährlich in OS durchführen können, max im jährlichen Wechsel mit einem Partner. Und ob es einen Partner gibt, der so etwas zuverlässig organisiert und die vfdu als “Fachautorität” akzeptiert, ist fraglich. Ansonsten wäre das ein tolle Sache für LFS….
Fazit:
Das wichtigste Ziel ist erreicht worden: Die Teams, die Schiris und die Crew hatten Spass an der Veranstaltung. Wir machen so etwas auf jeden Fall wieder, wissen nur nicht wo und wie oft. Ohne mehr Unterstützung wird es aber nicht klappen.
Ansonsten bereiten wir uns jetzt auf die britischen Meisterschaften in Cardiff und auf die WM 2007 in Barcelona vor…
Geschrieben von Südmersen am 22. November 2006 um 22:45
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