In Homers „Odyssee“ bezaubern die Sirenen die Seefahrer. Wer ihnen lauscht fährt durch den Gesang verwirrt geradeaus ins Verderben. Bis auf den Namen, so scheint es, haben die Sirenen der griechischen Mythologie nichts mit der modernen Geräuschmaschine zu tun. Mitnichten.

Hört man die Sirene ist die Gefahr nicht weit. Ist der Klang in der griechischen Mythologie lockend, soll er in der modernen Zeit als warnend empfunden werden. Warnung vor Gefahren durch Naturkatastrophen oder durch Menschenhand verursachte Unglücksfälle.
Vom Leben in der Risikogesellschaft: Die abnormale Normalität
Chemieunfälle wie in Seveso oder Bophal, atomare Katastrophen wie Tschernobyl und Majak, oder der havarierte Öltanker Exxon Valdez stehen nicht nur symbolisch für die Bedrohung der Menschheit. Nicht zu vergessen sind unzählige Naturkatstrophen und die vom Terrorismus ausgehenden Gefahren. War man es bisher gewohnt Gefahren in das Schema Atomar, Biologisch und Chemisch einzuordnen, ist diese Matrix inzwischen um Datennetzbezogene Gefahren, den nuklearen Elektromagnetischen Impuls und spontane Freisetzung mechanischer und thermischer Energie erweitert worden.1
Wir leben in einer Risikogesellschaft! Einer der führenden deutschen Soziologen, Ulrich Beck, prägte diesen Begriff vor fast genau zwanzig Jahren. Seiner These folgend geht mit dem reflexiven Modernisierungsprozess eine Risikoproduzierung einher. „Es geht nicht mehr [nur] um die Nutzbarmachung der Natur, um die Herauslösung des Menschen aus traditionalen Zwängen, sondern [...] wesentlich um Folgeprobleme der technisch-ökonomischen Entwicklung selbst. Der Modernisierungsprozeß wird ‚reflexiv‘, sich selbst zum Thema und Problem.“2 Risiken sind dabei technischer, ökologischer aber auch sozialer Natur.
Das was wir als Normalität empfinden, ist in Wahrheit abnormal: Unsere hochtechnisierte Gesellschaft sieht keinen Ausnahmezustand mehr vor. Dieser ist der Risikogesellschaft aber immanent. So sind Naturkatastrophen die Regel, nicht die Ausnahme. Wir leben in einer Ruhephase zwischen größeren Katastrophen, um es in den Worten des Schriftstellers Frank Schätzing auszudrücken.3
Viele Unglücke der letzten Jahre zeigen das. Sie zeigen das Leben inmitten der Risikogesellschaft: das Hochwasser in der Oder-Region (1997), der Orkan Lothar (1999), die Überschwemmungen an der Elbe (2002) oder die Überschwemmungen in der Alpenregion (2005); das Explosionsunglück in Enschede (2000) oder die Detonation einer Chemiefabrik in Toulouse (2001).
Aufbau, Abbau, Aufbau: Der Zyklus des Warnsystems
Die Potenzierung der Risiken erfordert Instrumente zur Warnung der Bevölkerung, um den Schaden für die Gesellschaft gering zu halten. Ein ziviles Warnsystem muss also her.

Motorsirene des ehemaligen Zivilschutzes. Foto: Wikimedia Commons
In Deutschland gab es bis zu Beginn der 1990er Jahre ein fast 87.000 Sirenen umfassendes ziviles Warnsystem. Mit dem Wegfall der konkreten Bedrohungslage durch den Ost-West-Gegensatz, wurden die zehn Warnämter des Zivilschutzes aufgelöst. Sie waren mit der Alarmierung der Bevölkerung vor Gefahren im Frieden und Verteidigungsfall betraut. Daraufhin demontierte der Bund das Warnsirenennetz. Man hielt Einrichtungen für die Warnung der Bevölkerung für verzichtbar.4 Ausgebaut wurde das Sirenensystem in den 1950er Jahren infolge der antizipierten Bedrohung durch den Ostblock.
Es erinnert fast ein wenig an das bekannte gallische Dorf, da es in der Bundesrepublik mehrere Inseln mit fortbestehendem Warnsirenennetz gibt. Denn von den ehemaligen Zivilschutzsirenen wurden etwa. 40.000 Sirenen kostenlos von den Gemeinden für lokale Zwecke des Brand- und Katastrophenschutzes übernommen. Die Unterhaltskosten tragen die Kommunen selbst. Angesichts knapper kommunaler Kassen, ist der Weiterbetrieb mancherorts fraglich. Einige Kommunen nahmen das Geschenk gar nicht erst an.
Beispiel Ludwigshafen
In Ludwigshafen wird seit zehn Jahren ein spezielles System umgesetzt. Sirenen fordern zum Einschalten von Radios auf, Lautsprecherwagen und der Rundfunk geben Verhaltenshinweise. Zusätzlich werden Telefonzentralen aufgestockt und auch das Internet als Medium der Information genutzt. Die Bevölkerung wird über die Presse und eine an alle Haushalte verteilte Broschüre über die Informationsmöglichkeiten und das Verhalten beim Ertönen des Signals aufgeklärt. Die Lautsprecherwagen der Feuerwehr verfügen hierfür über 100 vorgefertigte Texte im MP3-Format, die das Sirenensignal konkretisieren. Die „Lautsprecherwagen“ (ELW, Kdow, …) verfügen dazu über einen mit dem Dachlautsprecher verbundenen MP3-Player. Das System wurde schon erfolgreich eingesetzt.
Wenngleich die „Warnung“ nicht aus den theoretischen Planungen (!) verschwand, musste es doch erst zu den schwerwiegenden Ereignisse um die Jahrtausendwende (Hochwasser, Sturm, Terrorismus) kommen, bevor das Thema forciert aufgegriffen wurde.
Die Vielfalt der Codierung: Wie hätten Sie ihr Warnsignale denn gerne?
Der charakteristische an- und abschwellende Heulton lässt einem normalerweise das Mark in den Knochen gefrieren. In der Theorie klang das einfach: Die heulenden Sirenen sollten die Bevölkerung veranlassen die Radio- oder Fernsehgeräte einzuschalten bzw. Schutzräume aufzusuchen. Waren die Sirenensignale einst in Deutschland einheitlich, ist an ihre Stelle ein Sammelsurium lokal unterschiedlicher Bedeutungen getreten. Bedeutet in Freiburg ein an- und abschwellenden Heulton „Rundfunkgeräte einschalten“, so ist im hundert Kilometer entfernten Baden-Baden dies Aktion beim Ertönen eines einminütigen Heultones auszuführen. In Ludwigshafen ist dies gar das einzige Signal.5 Damit wäre man wieder bei den antiken Sirenen, die Verwirrung stiften.
Beispiel Dresden
Dresden hat in einer ersten Ausbaustufe 27 neue elektronische Sirenen aufgestellt. Diese geben die in Sachsen einheitlich eingeführten Sirenensignale ab bzw., können auch acht vordefinierte Sprachdurchsagen senden. Ebenfalls können die Geräte für direkte Durchsagen verwendet werden. Der Schwerpunkt der Geräteaufstellung sind die Überschwemmungsbegiete der Elbe und nahe von Betrieben mit erhöhtem Gefährdungspotenzial. Bis Mitte 2008 soll Dresden flächendeckend mit dem neuen System gewarnt werden können. Die Bevölkerung wird über Merkblätter und das Internet über die Bedeutung der Signale aufgeklärt.
Das einzige bundesweit einheitliche Sirenensignal ist der „Feueralarm“, der in der Verordnung über öffentliche Schallzeichen in §1 festgelegt ist: „Den Gemeinden, den von ihnen beauftragten Stellen und den Feuerwehren ist es vorbehalten, mit Sirenen folgendes öffentliches Schallzeichen zu geben, um den Alarm bei Feuer und anderen Notständen als Katastrophen auszulösen: dreimal einen in der Höhe gleichbleibende Ton (Dauerton) von je zwölf Sekunden, mit je zwölf Sekunden Pause zwischen den Tönen.“

Werden in Ludwigshafen zur Warnung und Information der Bevölkerung eingesetzt: Kdow und ELW.

Sirenenwagen der Feuerwehr Herbertshausen. Foto: Feuerwehr Herbertshausen
Warnung vor dem Risiko: Ahnungslos und unbemerkt
Eine weitere Schwierigkeit stellt die Aufklärung der Bevölkerung dar. Gegenwärtig würde die Bevölkerung völlig unvorbereitet von einer Gefahrenwarnung, sei es durch Sirenen oder durch Rundfunkdurchsagen, überrascht. Die Unkenntnis über die Bedeutung der Signale führt nicht nur zu Verunsicherung und Panik, sondern auch zur Blockade der Notrufnummern. Man will schließlich wissen was los ist! Im Gegensatz zu den Zeiten der Ost-West-Konfrontation gibt es keine öffentlichen Aushänge über die Bedeutung der Sirenensignale mehr und es werden auch nur geringe Anstrengungen unternommen, sie zurück ins Bewusstsein der Bürger zu bringen.
Der wohl wichtigste Unterschied zu den antiken Sirenen: Man kann sich den lärmenden Geräuschmaschinen entziehen – bewusst oder unbewusst. Die Sirenensignale werden gar nicht gehört: Wind, laute Musik und schalldichte Fenster verhindern das Durchdringen der Sirene. Auch im Schlaf kann man das Geheul selten wahrnehmen.
Die Quadratur des Kreises: Wie warne ich schnell und effektiv
Wie erreicht man möglichst viel Menschen in kurzer Zeit an möglichst vielen verschiedenen Orten? Es gilt dabei zwei Schwierigkeiten zu überwinden: Zum einen die Erreichbarkeit der zu warnenden Bevölkerung, zum anderen die Höhe des Informationsgehaltes. Eine schnelle Warnung und der zu vermittelnde Informationsgehalt einer Warnung schließen sich unter temporären Aspekten gesehen aus. Ein Warnton übermittelt nur eine Bedeutung, nämlich „Alarm“. Übertragung von Informationen darüber was passiert ist und was zu tun ist, findet nicht statt.

Könnte in einem integrierten Warnsystem eine Rolle spielen: Funk gesteuerter Wecker.
Auch muss ein Art „Weckeffekt“ vorhanden sein, den die alten ZS-Sirenen partiell besaßen. Dieser Effekt ist besonders für Gefahrenlagen erforderlich, die plötzlich eintreffen und sofortige Warnungen notwendig machen.
Der Wiederaufbau des Sirenennetzes scheidet aber aus finanziellen und den genannten Gründen aus. Es gilt also nach Alternativen zu suchen. Eine schnell umzusetzende Alternative wäre der Einsatz von Lautsprecherwagendurchsagen, wie es bspw. in der Chemiestadt Ludwigshafen gehandhabt wird. Problem dabei: Der hohe Personalbedarf, das Problem der Wahrnehmung und der Faktor Zeit.

Womöglich technisch nicht machbar: Warnung per SMS.
Eine Alternative zum teuren ortsgebundenen Sirenensystem sind Durchsagen im Rundfunk, auf die sich Bund und Länder bereits in den 1990er Jahren als alleiniges Warnmittel einigten. Rundfunkdurchsagen waren in Kombination mit den Sirenen schon zuvor ein Warnmittel. Die Warnung über den Rundfunk bietet die Möglichkeit, nicht nur Gefahren anzukündigen, sondern auch Verhaltensregeln an die Bevölkerung weiterzugeben. Doch wer hat schon Tag und Nacht sein Radio laufen?
Andere Möglichkeiten wie die Nutzung von Alltagstechnologien scheiden gegenwärtig wegen technischer Hindernisse aus. Dazu zählt die Nutzung eines Weckeffektes auf Basis des Radio Data Systems (RDS) im UKW-Hörfunkbereich oder des bundesweit die Zeitfunkuhren steuernden Langwellenfunksender DCF77. Beides setzt die technische Kompatibilität der Empfangsgeräte voraus. Die Verteilung von Warntexten über die Mobilfunkinfrastruktur scheitert an den Kapazitätsgrenzen der einzelnen Zellen und dem einheitlich einzuprogrammierenden Rufton in den Mobiltelefonen.

Bestes Mittel für die Warnung und Information: Das Telefon.
Das Internet könnte auf Basis von RSS-Feeds oder der Einblendung von Meldungen nutzbar gemacht werden. Aber auch hier die Frage: Wer ist permanent online? Der zwei-Wege-Kommunikationsfluss macht das Telefon zum besten Warnmittel. Aber auch hier gibt es Kapazitätsgrenzen und technische Hindernisse. Einen interessanten Vorschlag macht der Deutsche Feuerwehrverband (DFV): Dieser schlug vor Rauchmelder mit Funkchips auszustatten und diese Geräte auch zur Warnung der Bevölkerung im Katastrophenfall einzusetzen. Dies ist der Wirkung der Sirene durchaus vergleichbar. Aber auch hier fehlt die einheitliche technische Basis. Von der noch immer unzureichenden Verbreitung der Geräte sprechen wir besser nicht.
Aufmerksamkeit erzeugen und informieren: Das integrierte Warnsystem
Volkmar Held empfiehlt in einer Studie ein integriertes Warnsystem, „das verschiedene Technologien des täglichen Lebens mit Potential zur Bevölkerungswarnung mitbenutzt.“6 Er bezieht RDS, UKW, DCF77 und auch die Mobilfunkzellen in seine Überlegungen mit ein. Auf die Warnung, einen als solchen erkennbaren Weck-/Aufmerksamkeitseffekt, folgt die Aufforderung sich zur nächsten Informationsquelle zu begeben. Das kann das Radio, der Fernseher oder das Internet sein. Dort werden von einer zentralen Stelle über Satellit Verhaltenshinweise und Informationen verbreitet.
Der DFV brachte Rauchmelder als Gerät mit Weckeffekt in die Diskussion.
Auf Basis des Gutachtens von Held entwickelte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in einem ersten Schritt das satellitengestützte Kommunikationssystem (SatWaS). Zumindest der Informationsfluss zum Rundfunk ist technisch besser gesichert, als zu Zeiten von Fax und Telefon. Warndurchsagen werden mit höchster Priorität an die Medienanstalten übertragen. Die Mitteilung beinhaltet die Aufforderung die laufende Sendung zu unterbrechen und den Text der Warndurchsage zu senden. Die Infrastruktur ist inzwischen vorhanden und erfolgreich getestet worden.
Der Nachteil von SatWaS ist der fehlende Weckeffekt. Nach Held sind mit den zur Verfügung stehenden Mitteln höchstens 70 Prozent der Bevölkerung zu erreichen. Die größte Effektivität erreicht also auch SatWas nur in Kombination mit weiteren Warnmitteln.
Warnung ist ein Problem der Risikogesellschaft
Gedanken macht man sich, Konzepte und Gutachten sind erstellt – nur die Umsetzung ist die Schwierigkeit, sei es aus finanziellen Gründen oder wegen technischer Hindernisse. Eins muss jedem klar sein: Das Warnmittel gibt es nicht und jeden wird man auch nicht warnen können. Es muss nur sichergestellt werden, dass so viele Menschen erreicht und auch sinnvoll informiert werden können wie möglich. Das umzusetzen ist eine Herausforderung. Die Neukonzeption kann nur in verschiedenen Schritten erfolgen. Letzteres braucht seine Zeit. Flankiert werden muss dies mit der Aufklärung der Bevölkerung über die Warnmethoden. Auch die Sensibilisierung vor Gefahren gehört dazu. Ärgerlich ist deshalb aus heutiger Sicht die vorschnelle Entscheidung ein bestehendes System abzubauen, ohne sich ernsthaft Gedanken über ein Alternativsystem zu machen.
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Titelbild:
Ulysses and the Sirens (1891) by John William Waterhouse (1849-1917). Montage: Stefan Cimander.
1 Wolf R. Dombrowsky et al.: Erstellung eines Schutzdatenatlasses. Bonn 2003.
2 Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986.
3 Frank Schätzing: Der Schwarm. Köln 2002.
4 Vgl. Infolge des weltpolitischen Umbruches der 1990er Jahre sprach der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama von ” The End of History and the Last Man” und sah durch die letzte hegelianische Synthese ein neues Zeitalter des Friedens und der Demokratie aufziehen Vgl. Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man, 1992.
5 Nach Ernst-Peter Döbbeling gibt es in Europa nicht weniger als 16 unterschiedliche Signale. Ders.: Die großflächige Warnung der Bevölkerung, in: TaKaFEU 2006, S. 143ff.
6 Volkmar Held: Technologische Möglichkeiten einer möglichst frühzeitigen Warnung der Bevölkerung. Bonn 2001, S. 59.
Warnung, Sirene, Motorsirene, Katastrophe, Feuerwehr
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Super Zusammenstellung der wichtigsten Infos zu diesem stiefmütterlich behandelten Thema.
Ein Muß für Verbände und Kommunalpolitiker!
Geschrieben von Gregor Gehrke am 31. Oktober 2006 um 00:44